Günter Amendt: (K)ein Interviewporträt                       (Axel Jost, Hoererlebnis 39, 2002)

 

„...da kann ruhig auch der Sound dirty sein.“

 

Seit vielen Jahren ist er der scharfsinnigste und scharfzüngigste Kulturkritiker, den die 68er Bewegung hervorgebracht hat. Seine Bücher über Sex und Drogen gehören zum Ehrlichsten und Besten, was hierzulande je über diese heiklen Themen veröffentlicht wurde. Und es ist stets wie eine Befreiung, ihn im Fernsehen in Talkshows zu sehen, so sehr kann man sich mit seinen pointiert und druckreif vorgetragenen Ansichten identifizieren. Musikalisch hat er seit vielen Jahren ein Faible für Bob Dylan; und mit seinen Essays (meist in der Zeitschrift „konkret“) und seinen Büchern hat er die Höhen und Tiefen des amerikanischen Ausnahmekünstlers über viele Jahre engagiert begleitet, Plattenkritiken verfasst, Konzertberichte geschrieben, sich über Gesundheit und Wohlergehen des Sängers Gedanken gemacht und – Tüpfelchen auf dem i - er hat Dylan sogar einmal aufgefordert, zumindest für eine Weile nach Europa zu ziehen.

Freilich beließ es Amendt es nicht nur beim Beobachten und Analysieren des kulturpolitischen Geschehens, sondern mit den Jahren hat er eine weitere Passion entwickelt: Er ist zum Akteur geworden, einer, der selber auf der Bühne steht, jemand, der für die Bühne arbeitet. So sah ich ihn zum ersten Mal live bei einem Dylan-Abend im kleinen niederrheinischen Städtchen Meerbusch, wo er Ende Mai 1999 als Moderator gewohnt kompetent und zugleich humorvoll durch einen dermaßen langen Abend führte (für die übergroße Zahl der eingeladenen Acts konnte er sicherlich nichts), dass sich am Ende der Veranstaltung mehr Musiker als Zuschauer im Forum Wasserturm tummelten – was Amendt freilich nicht abhielt, mit fortschreitender Zeit immer treffendere Seitenhiebe auf die Dylan-Fans unter den westlichen Politikern loszulassen, die einerseits auf einen Song wie „Masters Of War“ stehen und zeitgleich Kampfflugzeuge nach Jugoslawien schicken.

Persönlich begegnet bin ich ihm in Neapel beim dortigen Dylan-Konzert im Juli letzten Jahres und sprach ihn bei dieser Gelegenheit bereits auf ein mögliches Interview für das Hörerlebnis an, nicht ahnen könnend, dass Günter Amendt sich noch weiter in die Rolle eines Performers begeben würde. Gemeinsam mit Smudo (Die Fantastischen Vier) und dem Schauspieler Martin Semmelrogge hatte er das Kultbuch „Fear And Loathing In Las Vegas“ von Hunter S. Thompson als Hörbuch für den Schweizer Verlag „Kein & Aber“ aufgenommen und ging mit ebendieser Produktion (und den beiden anderen Mitwirkenden) auf eine Promotion-Tour. Wie man hört, war diese Tour so erfolgreich, dass sie noch im laufenden Jahr ihre Fortsetzung finden soll.

Per Telefon und E-Mail verabredeten wir Fragen und Themen. Das folgende Interview ist dabei herausgekommen – es sind eine ganze Menge Überraschungen (z.B. Plattentipps) darin, bei denen Amendt seinem Ruf als intelligenter Querdenker wieder einmal gerecht wird. Freilich wird der eine oder andere Leser seine Fähigkeit zur Toleranz auf die Probe gestellt sehen:

 

AND THE ANSWERS ARE

1.) Du kommst gerade von einer Tour zurück, auf der du mit Smudo und Martin Semmelrogge eine CD-Box promotet hast: Ihr habt den Roman "Fear And Loathing In Las Vegas" von Hunter S. Thompson als Hörbuch vertont und Auszüge daraus gelesen. Wie waren deine Eindrücke von dieser Tour?

 

Es war eine neue Erfahrung. Auch wenn „on tour“ zu sein Teil meines Arbeitsalltags ist, denn ich reise viel. Recherche- und Vortragsreisen, Radioarbeiten in verschiedenen Städten, Lesungen und die Teilnahme an öffentlichen Podien halten mich in Bewegung. I’m ready to go anywhere, auch wenn es anstrengend ist und immer anstrengender wird. Neu war diesmal, dass mir auf der „Angst und Schrecken – Tour“ mit Smudo und Semmelrogge ein Teil der Reise-Anstrengungen von der Veranstaltungsagentur „Four Artists“ abgenommen wurde. Die Tour war perfekt organisiert. Anders wäre es auch nicht gegangen, denn wir sind kreuz und quer durch die Republik von Hamburg bis München mit Abschluss in Zürich, wo der Verlag sitzt, jeden Abend in einer anderen Stadt aufgetreten. Enzo, unser Tourbegleiter, hatte immer alles im Griff und unter Kontrolle. Und so habe ich mich zwei Wochen lang ausschließlich auf den abendlichen Auftritt konzentriert, immer auf der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten. Anders als sonst bin ich in der Rolle eines Schauspielers mit einem Text, den ich nicht selbst zu verantworten habe, vor ein Publikum getreten. Das war eine Herausforderung, die ich schon lange gesucht hatte. Unsere Aufgabe war, aus dem Text herauszuholen, was der Autor hineingesteckt hatte. Das scheint uns gelungen zu sein. Das Publikum reagierte Abend für Abend höchst amüsiert auf die Lesung dieses von Hunter S. Thompson grandios geschilderten Horrortrips ins „Herz des Amerikanischen Traums“.

 

2.) Wie bist du an dieses Projekt gekommen, und was waren deine Gründe, dich gerade an diesem Hörbuch-Projekt und der Tour zu beteiligen?

 

Peter Haag, der Verleger von Kein & Aber, wo das Hörbuch erschienen ist, wollte den Text von drei Typen lesen lassen, die einen biographischen Bezug zum Inhalt des Buches haben. Ich war zufällig, als wir in Zürich wieder einmal über sein Projekt sprachen, auf dem Weg zu einem „Bullenkongress“ in Luzern. Der Verband Schweizerischer Polizeibeamter hatte mich zu einem Vortrag über „Narkotika und andere gefährliche Drogen“ eingeladen. Das Stichwort ‚Bullenkongress’ gab den Ausschlag, denn auch Raoul Duke und sein samoanischer Anwalt nehmen teil an einem Bullenkongress, wo sie über die von Drogenexperten abgesonderte „staatlich geprüfte Affenscheiße“ lästern. Das von einem, der selbst als Drogenexperte gilt, lesen zu lassen, hat seinen Reiz. Ich war engagiert. Und ich habe ohne zu zögern angenommen, weil mir die Ironie dieser Konstellation gefiel, und weil ich davon überzeugt war, die mir zugedachte Rolle spielen zu können. Mikrophonerfahrung hatte ich ausreichend als einer, der sein Leben lang für das Radio gearbeitet hat – und fast immer seine Texte selbst liest. Auch hatte ich gerade beim Deutschland Radio ein Hörspiel inszeniert. Ich war also mitten drin in der Materie.

 

3.) Hört sich euer Hörbuch deiner Meinung nach auf allen einigermaßen klingenden Anlagen gleich an, oder hat man mehr davon, wenn man es über eine besonders gute High-End-Anlage hört?

 

Ich bin kein Technofreak. Meine Dylan-Bootlegs höre ich genau so gerne aus dem Gehäuse eines Plastikradios wie aus den Boxen einer raffinierten, technisch hochgerüsteten Anlage. Hörbücher werden häufig im Auto gehört, da gehen die Feinheiten sowieso verloren. Nein, ich glaube nicht, dass unsere CD auf einer High-End-Anlage abgespielt werden sollte. Im Gegenteil: Der Text, den wir lesen, ist dirty, da kann ruhig auch der Sound dirty sein.

 

4.) Sowohl das Buch als auch die Tour haben ja Schnittstellen zu Themengebieten, für die du bekannt bist:

Einmal giltst du ja als der Drogenexperte in Deutschland, und dann ist da noch die Sache mit der Tour und das Leben drumherum, die den Blick unwillkürlich lenken auf die "never ending tour" von Bob Dylan, über den du ja auch mehrere Bücher geschrieben hast. Siehst du hier Parallelen?

 

Natürlich unterscheidet sich das Lebensgefühl eines Künstlers und Entertainers, der freiwillig  ohne den Druck eines Verlages oder einer Plattenfirma ständig von Bühne zu Bühne und Stadt zu Stadt unterwegs ist, um live vor einem Publikum aufzutreten, vom Lebensgefühl eines Menschen, der an einen bestimmten Ort gebunden ist und ein Leben ohne öffentliche Auftritte führt. Wie schwer es Sesshaften fällt, die Gefühlswelt eines tourenden Künstlers nachzuvollziehen, zeigt das immer wieder geäußerte Erstaunen über Dylans rastloses Leben auf seiner Never Ending Tour. Ich kann diese Rastlosigkeit gut nachvollziehen. Sicherlich ist es kein Zufall, dass unter meinen Freunden und Freundinnen viele sind, die ein Leben ‚on tour‘ führen. Doch bei allen Parallelen und allem Einfühlungsvermögen, ich bin Autor und nicht Schauspieler oder Rezitator und schon gar nicht Sänger oder Musiker. Phasen ohne die Öffentlichkeit der Medien oder eines Publikums sind unverzichtbar für meine Arbeit. Noch in der Euphorie unseres Erfolges auf der „Angst- und Schrecken – Tour“ habe ich gespürt, wie die Lust auf Rückzug in die Arbeit an meinem neuen Buch gewachsen ist. Sie wird in den kommenden Wochen und Monaten meinen Alltag bestimmen. Ich suche beides: Die Herausforderung durch ein Publikum und die durch nichts gestörte Konzentration auf das Schreiben. Das zu steuern ist nicht immer einfach. Im übrigen wäre der Vergleich mit Dylan, von gewissen äußeren Übereinstimmungen einmal abgesehen, nicht nur vermessen, er ignoriert auch, was den Unterschied zwischen Schauspieler und Sänger ausmacht. In ausverkauften Häusern vor einem begeisterten Publikum bei hervorragenden Kritiken aufzutreten, ist eine Glückserfahrung für jeden Schauspieler und jede Schauspielerin. Sie reicht jedoch nicht an das heran, was ein Sänger erlebt, der mit einer Band, getragen von einem begeisterten Publikum, auftritt und über die Musik mit jedem einzelnen Bandmitglied unmittelbar verbunden ist. Das muss eine großartige Erfahrung sein – durch nichts zu überbieten. Deshalb gibt es ja wohl auch die vielen singenden Schauspieler, denen die eigene Sprechstimme nicht mehr genügt auf ihrer Suche nach Erfolg und künstlerischer Befriedigung.

 

5.) Du hast Dylan ja bei dessen Tour 1981 mehrere Wochen lang als so eine Art persönlicher Vertrauter begleitet; doch selbst in deinen Büchern hast du recht wenig über diese Zeit berichtet. Wieso eigentlich?

 

Es ist schwer für einen Künstler von Weltbedeutung, überhaupt noch auf Menschen zu treffen, die nichts von ihm wollen und ihm unbefangen und ohne Verwertungsinteresse gegenübertreten. Das war mir klar, als ich Dylan begegnete, denn ich bin diese Begegnung nicht hineingestolpert. Ich würde keine Zeile über diese Reise veröffentlichen. Daran habe ich mich mehr als zwanzig Jahre gehalten. Erst jetzt, bei der Rekonstruktion seiner ersten BRD-Tour im Juni 1978, habe ich von der Begegnung mit Bob Dylan öffentlich gesprochen. Als Zeitzeuge. Ich habe meine Aufzeichnungen von damals konsultiert, um meine Erinnerungen aufzufrischen. Was ich preisgegeben habe, halte ich für vertretbar. Wer auf Klatsch und Tratsch aus ist, wird nicht bedient. Mehr zu sagen aber wäre der Bruch einer unausgesprochenen Verabredung – ein Vertrauensbruch.

 

6.) Du schreibst ja seit vielen Jahren regelmäßig über Dylan und besuchst seine Konzerte. Was fasziniert dich so an ihm?

 

Sorry, aber ich möchte im Augenblick nicht weiter über Dylan sprechen. Ich habe mich im vergangenen Jahr seines sechzigsten Geburtstages so intensiv mit ihm beschäftigt, dass ich Gefahr laufe, mich ständig nur selbst zu zitieren.

 

7.) Ich selber habe dich bei Dylans Konzert letzten Sommer in Neapel getroffen. Wie schätzt du denn den Meister und sein Schaffen zur Zeit so ein? Was erwartest du von seinen Konzerten im Frühjahr bei uns in Europa? Wird es deiner Einschätzung nach eine Live-LP über die NET geben, und was sollte deiner Meinung nach darauf sein?

 

„Love and Theft“ ist eine sehr gute Platte. „Mississippi“ ein treffender Kommentar zur globalen Lage. Auf die Frühjahrstour 2002 freue ich mich. Ob eine LP rauskommen wird, weiß ich nicht, und was drauf sein sollte, werde ich erst wissen, wenn ich weiß, was fehlt. Anstatt weiter über Dylan zu sprechen, nütze ich die Gelegenheit des Interviews zu einer Platten-Kurzbesprechung. Ich empfehle allen, die interessiert sind an der US-amerikanischen Musiktradition, sich mit „Timeless“ zu befassen. Eine illustre Versammlung von Sängern und Sängerinnen erinnert sich an Hank Williams und singt seine Songs: Beck, Knopfler, Petty, Richards, Harris, Cash sind dabei, auch Dylan und der neue Stern am US-amerikanischen Showhimmel – Ryan Adams. Großartige Songs, großartig interpretiert. Schnulzen, wie der von Johnny Cash gesungene Song „I Dreamed About Mama Last Night“ gehören dazu als Teil dieser Tradition.

 

8.) Bitte berichte uns doch etwas von den weiteren Projekten, die du in letzter Zeit verfolgt hast!

Für die „Lange Nacht“ im Deutschland Radio habe ich den Einakter „True Dylan“ von Sam Shepard übersetzt und als Hörspiel inszeniert. „Back To The Sixties – Bob Dylan zum Sechzigsten“ ist ein Update des Buches „The Never Ending Tour – Bob Dylan in Europa“, das ich zu Dylans Fünfzigstem beim Konkret Literatur Verlag veröffentlicht hatte. Vom neuen Buch sind fast viertausend Exemplare verkauft, was mich als Autor überrascht und erfreut und was zugleich das wieder erwachte Interesse an Dylan belegt.

 

9.) Wird auch deine/eure Tour in diesem Jahr fortgesetzt, werden Martin Semmelrogge und Smudo wieder mit von der Partie sein - und was hast du sonst noch so vor?

 

Schon während der laufenden Tour haben sich Veranstalter gemeldet, die uns für den Fall einer Wiederaufnahme buchen wollen. Ich hätte Lust, noch einmal mit „Angst und Schrecken“ rauszugehen, Semmelrogge und Smudo geht es ähnlich. Wenn sich die Termine koordinieren lassen und auch sonst alles stimmt, werden wir wohl im April oder Mai noch einmal auf Tour gehen. Danach wird es eng, denn dann werde ich mit den Vorarbeiten an meinem neuen Buch so weit gekommen sein, dass ich mit dem Schreiben beginnen kann. Von da ab ist Rückzug angesagt. Zum Thema des Buches so viel: Es geht um Drogen und das sogenannte Drogenproblem. In der Globalisierungsdiskussion kann und darf das Drogenproblem nicht ausgeklammert werden, denn was „Drogenproblem“ genannt wird, ist Ausdruck einer der gravierendsten Fehlentwicklungen des Globalisierungsprozesses.

 

10.) Nun leben wir ja derzeit wirklich nicht gerade in einer friedlichen Welt - Musikhören, ins Theater gehen, Lesungen besuchen, während anderswo die Bomben fallen - wie passt das eigentlich zusammen?

 

Das ist ein Widerspruch, den es auszuhalten gilt.

 

Anhang:

1.) Das 4-CD-Paket heißt „Fear And Loathing In Las Vegas“ und ist im „Kein & Aber“-Verlag erschienen. Problemlos zu bestellen z.B. über www.amazon.de. Preis derzeit € 20, wird vermutlich auf € 25 steigen.

 

2.) Zum Hörbuch: Hörbeispiele und weitere Informationen dazu im Internet bei: http://www.hoerothek.de/smudo.htm

 

3.) Amendt-Veröffentlichungen zu Dylan:

- Reunion Sundown. Bob Dylan in Europa, Verlag 2001

- The Never Ending Tour, Verlag konkret Literatur

- Back To The Sixties. Bob Dylan zum Sechzigsten, Verlag konkret Literatur

 

4.) Weitere wichtige Bücher von Günter Amendt:

- Ecstasy & Co. Alles über Partydrogen, Verlag Rowohlt

- Sexfront, Verlag Rowohlt

 

-AJ